In deine Hand gebe ich mich - von Angelika Vollbrecht

LS019 Vertrauen page44 image19Eine Meise sitzt auf der Hand unserer Nachbarin. Pickt ein paar Körnchen aus der Handfläche. Bleibt noch einen Augenblick auf der Hand und tschilpt kurz, bevor sie davonfliegt. Etwa drei Meter entfernt stehe ich. Ganz still. Ich traue mich nicht, mich zu bewegen. Ich traue mich kaum zu atmen. Ich befürchte, das Vögelchen könnte dann wegfliegen. Und es flog weg und eine andere Meise kam und pickte weiter Körnchen aus Frau Kuppers Hand.

Damals war ich 7 Jahre alt und schwer beeindruckt. Und wie die Meise und die anderen Vögel war auch ich gerne bei unserer Nachbarin. Frau Kupper hieß sie und wohnte mit Frau Behrens zusammen.

Ich hatte Vertrauen zu beiden Frauen. Sie brachten mir die Vogelnamen bei. Ich half ihnen beim Laub harken und erzählte Geschichten aus der Schule. Auch aß ich bei ihnen mein erstes Käsebrot. Mir haben sie allerdings gesagt, es wäre Camembert. Denn beide wussten, dass ich Käse nicht mag. Ich habe ihnen vertraut und ein Stück in meinen Mund gesteckt. Es war lecker. Ich habe das Brot mit Freude aufgegessen. Und zu Hause, habe ich dann sofort stolz verkündet, dass ich Brot mit Camenbert gegessen hätte.
Meine Eltern lachten.

Seit dem Erlebnis mit der Meise, die vertrauensvoll auf der Hand von Frau Kupper saß, möchte ich Oma sein. Ich möchte wie unsere Nachbarinnen weiße Haare haben. Weiße Haare wie weise Frauen. Ich möchte Wissen haben über die Zusammenhänge im Kleinen wie im Großen. Zeit haben, den Lauf der Dinge zu beobachten. Und vor allem möchte ich vertrauen können. Meinen Sinnen und meinen Gefühlen und ich möchte darauf vertrauen können, dass andere Wesen erkennen, dass ich ihnen gut tue, dass ich nicht gemein bin. Ich möchte diese Gewissheit, diese Ruhe ausstrahlen, die ich bei Frau Kupper gespürt habe. So, dass Vögel sich trauen, auch auf meine Hand zu fliegen. Weil sie mich kennen, weil sie mir vertrauen. Warum es mir wichtig ist, vertrauenswürdig zu sein? Warum es mir wichtig ist, nicht gemein zu sein? So wichtig, dass ich auf einem Banner „Gemeisam geht es leichter“ drucken ließ? Ja, ge-Meis(e)-am. :) Weil der, dem ich vertraut habe, der, mit dem ich gestern noch gelacht habe - und gemeinsam lachen schafft doch Verbindung - weil dieser Mensch mir heute an die  Wäsche will. Weil dieser Mensch eine Grenze übertrat. Das ist gemein! Das ist böse. Das ist Missbrauch meines Vertrauens. „Vertrauen ist eine zarte Pflanze, ist es einmal zerstört, kommt es so leicht nicht wieder.“
Im Februar werde ich an einem Basiskurs in „Basaler Stimulation in der Pflege“ teilnehmen. Da freue ich mich drauf, denn ich habe gelesen, dass ich mir das Vertrauen des bettlägerigen Pflegebedürftigen, das Vertrauen eines vielleicht sogar sterbenden Menschen erarbeiten könne, wenn ich die Regeln der „Basalen Stimulation“ beachte. Dass dann ein vertrauensvolles Miteinander möglich sei, Mundhygiene zum Beispiel einfacher wäre.
Denn ich hoffe, die kleinen Zeichen, die Schwingungen durch den Kurs deutlicher wahrnehmen zu können. Wir haben doch alle unsere Eigenheiten. Unsere Verletzungen, die wir verstecken, um nicht noch mehr verwundet zu werden.
Mir vertrauen, Dir vertrauen, Vertrauen ausstrahlen. Diese zarte Pflanze schützen, das möchte ich. "In Deine Hand gebe ich mich. Zupacken
kannst Du. Verletzen. Töten, was ich bin. In Deine Hand gebe ich mich. Bin geborgen. Weil Du mich liebst." - Verfasser mir unbekannt -
Übrigens, mir saß ein Spatz auf der Hand. Vor zwei Wochen in der Nähe einer Bäckerei. Er hat die gereichten Brotkrumen angenommen. :)

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