LS 0821 S12Der 25. August 1988 von Heike Erdmann

"You looks tired" sagte der Mann im Informationsbüro. Recht hatte er. Ich war müde und erschöpft nach diesem Abenteuer.

Morgens um 8.00 Uhr startete der Greyhound-Bus, vierzig Minuten später stand ich am Eingang des Elk-Island Nationalparks - gefühlt mitten im nirgendwo (der Park ist 194 Quadratkilometer groß und als einziger in Kanada eingezäunt). Ich wanderte auf der Suche nach meinen gewünschten Fotomotiven, den Wald-Bisons, im Park auf einem Trail entlang, fand sie nicht und ging schließlich Richtung Eingang zurück - und dort standen sie. Ein Bulle, zwei Kälber und sechs Kühe bzw. Jährlinge. Da die Bisons vom Highway aus zu sehen waren, hielten einige Autos, Menschen stiegen aus und gingen geradewegs auf die Tiere zu. Der Bulle reagierte und griff an. Ein Mann sprang eilig zurück und der Bison-Bulle stoppte kurz vor dem Zaun. Sofort stiegen alle in ihre Autos und fuhren davon. Nachdem ich das gesehen habe, hatte ich nicht nur Respekt vor dem riesigen Tier, sondern Angst. Der Bulle war extrem wachsam und zu was er fähig war, hatte ich gerade gesehen. Aber ein Grund dieser Reise waren Fotos von Wald-Bisons. Und wenn ich sie haben wollte, musste ich noch einmal zurück. Ich lief quer durch Wald und Gestrüpp, um vor der Herde am See zu sein - zu dem sie vermutlich wollten. Den wollte ich dann umrunden - doch dazu kam es nicht mehr. Die Herde war schneller als gedacht und so versteckte ich mich zwischen den Bäumen. Vermutlich hat der wachsame Bulle mich entdeckt, denn er schaute minutenlang in meine Richtung. Ich bewegte mich nicht und die Herde setzte schließlich ihren Weg fort. Sie entfernten sich weiter, grasten und legen sich schließlich nach und nach nieder. Als die ganze Gruppe schlief, suchte ich mir einen guten Platz hinter einem Baum, beobachtete sie und nickte selbst immer mal für einige Minuten ein. Die Sonne brannte und die Moskitos betrachteten mich als gefundenes Fressen. Nach etwa zwei Stunden erhoben sich die Tiere wieder, grasten und entschlossen sich schließlich, den Weg zurückzugehen, den sie gekommen waren. Das heißt: am Waldrand entlang auf mich zu! Die Tiere hatten mich noch nicht bemerkt und kamen immer näher. Ich machte einige Fotos und wieder unterschätzte ich, dass sie mit ihrem gemütlich wirkenden Gehen ganz schön Strecke zurücklegen können. Nun musste ich mich schnell entscheiden: Bleiben oder verschwinden. Ich entschied mich fürs bleiben und wollte warten, bis die Herde an mir vorbeigezogen war. Um möglichst unsichtbar zu sein, setzte ich mich an einen Baum ins hohe Gras. Der Plan ging nicht so ganz auf. Der Bison-Bulle ging zwar, wie vermutet, an mir vorbei, stoppte dann aber hinter mir. Dann kam das Überraschende. Der Rest der Herde bog ab und ging (etwa vier/fünf Meter) vor mir vorbei. Ich saß in der Falle. Hinter mir der wachsame Bulle und vor mir zog ein Tier nach dem anderen vorüber - blieb stehen, graste, ging weiter. Interessanterweise war es eines der Kälber, das mich entdeckte. Es naschte am Gras, machte zwei Schritte auf mich zu und sah mich mit großen Augen an. Gern hätte ich diesen Moment länger genossen. Gleichzeitig betete ich, dass es weitergehen möge - was es nach einer Weile auch tat. Schließlich war fast die ganze Herde vorbeigezogen. Eine Kuh blieb noch stehen (oh Schreck), hinterließ aber nur platschend einen Kuhfladen. Endlich kam auch der Bison-Bulle wieder in mein Blickfeld. Ein großer Stein fiel mir vom Herzen, als die Herde sich entfernt hatte. Die ganze Zeit hatte ich bewegungslos dagesessen, ich wartete noch etwas, ging schließlich durch den Wald zurück ins Informationsbüro, um mir noch Unterlagen zu holen. "You looks tired" sagte der Mann dort. Recht hatte er. Müde und erschöpft nach diesem Abenteuer.

Gegen 18.00 Uhr sollte mein Bus fahren. So wartete ich am Highway, als es hinter mir hupte. "Are you hitchhiking?". Es war verlockend nach dem anstrengenden Tag bequem zurückzukommen. Im Auto saßen außerdem der Grandpa und sein kleiner Enkel. Als der Fahrer hörte, dass ich Deutsche bin, erzählte er begeistert von seiner Zeit in Deutschland Anfang der 70er Jahre. Von der engagierten Jugend dort und das er oft getrampt sei und nie länger als zehn Minuten hatte warten müssen.

Es war ein Tag voller Beziehungen. Zu Tieren, Pflanzen und Menschen - also ein Tag voller Gefühle. Angst und Respekt vor der Stärke und Wachsamkeit des mächtigen Bison-Bullen. Berührt sein und Entzücken beim Blick in die verwunderten Augen des kleinen Büffel-Kalbes. Tiefe Dankbarkeit für den Baum und das hohe Gras, in dessen Schutz ich saß und nicht zuletzt Vertrauen und Fröhlichkeit mit den Menschen, die mich zurückbrachten. Es war sehr bereichernd in Beziehung zu diesen wunderbaren Lebewesen gewesen zu sein.

Archiv zum Blättern

Ausgabe 24 - 01.12.2021
Abschiede
------------------------------
Ausgabe 23 - 01.08.2021

Beziehungen
------------------------------

Ausgabe 22 - 01.04.2021
Abenteuer Sein
--------------------------------
Ausgabe 21 - 01.12.2020

Verantwortung
---------------------------------
Ausgabe 20 - 01.08.2020
Visionen
-------------------------------

Ausgabe 19 - 01.03.2020
Vertrauen

-------------------------------

Ausgabe 18 - 01.12.2019
Reichtum
-------------------------------

Ausgabe 17 - 01.09.2019
Wandel
-------------------------------
Ausgabe 16 - 01.06.2019
Klang

--------------------------------
Ausgabe 15 - 01.03.2019
Chaos
--------------------------------
Ausgabe 14 - 01.12.2018
Freiheit
-------------------------------- 

Ausgabe 13 - 01.09.2018
Tod und Sterben
--------------------------------
Ausgabe 12 - 01.06.2018

Kinder
--------------------------------
Ausgabe 11 - 01.03.2018

Zeit
--------------------------------
Ausgabe 10 - 01.12.2017

Engel
-------------------------------
Ausgabe  9 - 01.09.2017
weiblich/männlich
-------------------------------
Ausgabe  8 - 01.06.2017
Natur
-------------------------------
Ausgabe  7 - 01.03.2017
Macht
------------------------------
Ausgabe  6 - 01.12.2016
Freude
-------------------------------
Ausgabe  5 - 01.09.2016
Heimat
--------------------------------
Ausgabe 4 - 01.06.2016
Gesundheit
-------------------------------
Ausgabe  3 - 01.03.2016
Gemeinschaft
-------------------------------
Ausgabe  2 - 01.12.2015
Liebe
-------------------------------
Ausgabe  1 - 01.09.2015
Neubeginn
-------------------------------
Alle