Abschied nehmen und in die Ferne ziehen Doris Grappendorf

Sollte ich es wirklich wagen und so weit hoch in den Norden ziehen? Wollte ich wirklich alle Freund*innen und alles Vertraute verlassen? Diese Frage stellte ich mir immer wieder. Einerseits war der Ruf des Nordens so stark, andererseits hielt mich das Liebgewonnene und Vertraute hier fest. Ich war so zerrissen. Wie sollte ich den Schmerz des Abschiedes, vor allem von meinen liebgewonnenen Freund*innen, nur aushalten? Sollte ich doch einfach hier in Oberhessen bleiben?

Doch das fühlte sich auch nicht mehr richtig an. Der Ruf war zu stark. Ich wusste einfach, dass ich der göttlichen Botschaft folgen muss und dort meine nächste Lebensaufgabe auf mich wartet. Wie also sollte ich mit dieser Zerrissenheit umgehen?

Irgendetwas stimmte mit der Umgangsweise dieses Konfliktes in mir nicht. Wenn beides mich unzufrieden machte, so könnte ich mich doch genauso gut dafür entscheiden, dass beides mich glücklich macht. Haben wir nicht immer die Wahl, welchen Blickwinkel wir auf ein Geschehnis einnehmen wollen? Könnte ich mich für einen glücklichen Abschied und einen glücklichen Neuanfang entscheiden? Geht sowas?

Ich fragte mich, was genau macht mich bei der Vorstellung von Abschied eigentlich jetzt in diesem Moment so unglücklich? Es sind meine Gedanken!

Meine Gedanken darüber, wie es sich vielleicht anfühlen könnte, so ganz einsam und verlassen im Norden zu sein, ganz ohne Freund*innen und ohne all das Vertraute und Liebgewonnene. Meine Gedanken waren Meisterinnen darin, mir das Schlimmste auszumalen. Gleichzeitig waren Gedanken da, wie es sich vielleicht anfühlen könnte, diesem Traum vom Haus im Norden nie gefolgt zu sein. Aber ob all diese eingebildeten Gedanken eintreten?

Es könnte ja auch alles ganz anders kommen. Meine Gedanken der Zukunft waren also nur reine Illusion. Ich fühlte jetzt einen Schmerz von etwas, was noch gar nicht eingetreten war und vielleicht auch nie eintreten würde.

Während ich so darüber nachdachte, fiel mein Blick auf meine Katze. Wie geht sie eigentlich mit so einem Problem um? Sie macht sich weder Gedanken um die Zukunft noch um die Vergangenheit. Sie ist einfach! Sie ist völlig im Jetzt. Sie ist völlig im Sein. Ich höre sie geradezu sagen: „Doris, was machst du dir für einen Kopf! Es ist wie es ist. Heute bin ich glücklich hier und morgen bin ich glücklich dort. Weil ich stets im gegenwärtigen Moment bin.“ Das ist die Lösung! Was für eine feine Lehrerin sie doch für mich ist.

Ich begann, mich zu beobachten. Wann verlor ich mich gerade in Zukunftssorgen? Sofort hielt ich inne. „Aha! Da ist ja schon wieder so ein Gedanke über Dinge, die nichts mit dem Jetzt zu tun haben. Interessant!“ Ich fühlte in mich hinein, was es für ein Gefühl war, das da hoch kam. Ganz eindeutig ein Angstgefühl. Da ich ja nun mal ein Mensch und keine Katze bin und wir Menschen eben die Gedanken und die dadurch auslösenden Emotionen haben, entscheide ich mich seither, diese Gedanken abzugeben. Ich glaube an Gott, so ist Er für mich derjenige, der mir all meine schmerzenden Gefühle abnimmt. Ich könnte sie auch ans Universum, an die große Quelle oder wie auch immer es genannt werden möchte, abgeben. Hauptsache, ich verdränge die Ängste nicht, sondern lasse sie raus, fühle sie, schaue sie mir an und lasse sie dann fortziehen.

Jedes Mal, wenn ich durch mein Beobachten an einen solchen Punkt komme, lasse ich das Gefühl frei und gehe ganz bewusst in die Gegenwart, in genau diesen Moment. Ich spüre, wie Gott mir meine Ängste abnimmt. Ganz bewusst öffne ich mich und lasse mich vom großen Licht durchfluten. Das bringt mir inneren Frieden, Gelassenheit sowie vollkommene Angstfreiheit. Ein tiefes inneres Vertrauen. Wenn ich darauf achte, meiner tiefen inneren Stimme zu folgen, die aus irgendeinem Grund will, dass ich in den Norden ziehe, so ist alles richtig, wie es ist.

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